Ein Access Token gilt in Microsoft 365 standardmässig eine Stunde. In dieser Stunde fragt kein Dienst bei Entra ID nach: Ein deaktiviertes Konto liest weiter Mails, bis der Token abläuft. Continuous Access Evaluation (CAE) schliesst diese Lücke für Exchange Online, SharePoint Online, Teams und Microsoft Graph. Die Funktion läuft in jedem Tenant, ohne Lizenz und ohne Konfiguration.
Zwei Tokens, zwei Aufgaben
Wer von „dem Token“ spricht, meint meist zwei verschiedene Dinge. Entra ID entscheidet über den Zugriff, der Dienst prüft nur noch den vorgezeigten Token.
| Token | Geht an | Laufzeit | Zweck |
|---|---|---|---|
| Access Token | den Dienst, etwa Exchange Online oder SharePoint Online | standardmässig 1 Stunde, mit CAE bis zu 28 Stunden | Zugriff auf den Dienst |
| Refresh Token | ausschliesslich Entra ID | deutlich länger als der Access Token | neuen Access Token holen |
Auf in Entra ID eingebundenen Windows-Geräten kommt der Primary Refresh Token (PRT) hinzu. Ihn bindet Token Protection an das TPM, Thema von Folge 50. CAE wirkt eine Ebene darüber.
Die Stunde ohne Prüfung
Während der Laufzeit prüft der Dienst den Access Token nur auf Gültigkeit. Wird das Konto deaktiviert, das Passwort zurückgesetzt oder verlässt der Anwender das Firmennetz, funktioniert der Token weiter. Das ist kein Microsoft-spezifischer Fehler, sondern Folge des Designs.
Kürzere Laufzeiten verkleinern die Lücke nur und verschlechtern die Anwendererfahrung. CAE dreht das Prinzip um: Entra ID teilt den Diensten kritische Ereignisse mit, und der Dienst lehnt einen noch gültigen Token ab. Grundlage ist der offene Standard OpenID Continuous Access Evaluation Profile.
Was CAE auslöst
Zwei Mechanismen greifen unabhängig voneinander: kritische Ereignisse in jedem Tenant und, optional, die Standortprüfung aus Conditional Access.
| Auslöser | Voraussetzung | Wirkung |
|---|---|---|
| Konto gelöscht oder deaktiviert | keine | bis zu 15 Minuten |
| Passwort geändert oder zurückgesetzt | keine | bis zu 15 Minuten |
| MFA für den Anwender aktiviert | keine | bis zu 15 Minuten |
| Administrator widerruft alle Refresh Tokens (Revoke Session) | keine | bis zu 15 Minuten |
| Identity Protection erkennt hohes Anwenderrisiko | Entra ID P2 | bis zu 15 Minuten |
| Anwender verlässt eine IP-basierte Named Location | Conditional Access, Entra ID P1 | sofort |
Die bis zu 15 Minuten entstehen, weil das Ereignis erst den Dienst erreichen muss. Conditional Access fügt keine kritischen Ereignisse hinzu, sondern ergänzt sie um die Standortprüfung. Länder-Locations und die MFA Trusted IPs wertet CAE nicht aus.
Längere Laufzeit, schnellerer Widerruf
In einer CAE-Session gilt der Access Token bis zu 28 Stunden statt einer. Der Refresh Token bleibt unverändert, eine eigene Laufzeit über Configurable Token Lifetime ignorieren diese Sessions.
Das Problem war nie die Laufzeit, sondern die fehlende Prüfung während der Laufzeit. Läuft der Widerruf über Ereignisse, entfällt der Grund für kurze Tokens. Die Folge sind weniger Token-Aktualisierungen und stabilere Anwendungen, und ein kompromittiertes Konto ist trotzdem in Minuten ausgesperrt statt in einer Stunde. Voraussetzung: Client und Dienst beherrschen beide CAE. Sonst bleibt es bei einer Stunde.
Was abgedeckt ist und was nicht
| Ebene | Abgedeckt | Nicht abgedeckt |
|---|---|---|
| Dienste | Exchange Online, SharePoint Online inklusive OneDrive, Teams, Microsoft Graph | Drittanbieter-SaaS mit Single Sign-on über Entra ID, Line-of-Business-Anwendungen |
| Clients | Outlook auf allen Plattformen, Office-Desktop- und Mobil-Apps, OneDrive im Web und mobil | Office Web Apps (Word, Excel, PowerPoint), OneDrive-Sync-Client unter Windows und macOS für SharePoint Online |
| Teams | auf allen Plattformen nur teilweise | Anrufe und Chat werten keine IP-basierten Richtlinien aus |
| Konten | Konten des eigenen Tenants | Gastkonten, weder Widerrufsereignisse noch Standortprüfung |
Conditional Access schliesst diese Lücken nicht. Für Anwendungen ohne CAE gibt es keinen Schalter; die Richtlinie wird nur bei Ausstellung und Erneuerung des Access Tokens bewertet, also im Stundenrhythmus. Dort sind Sign-in Frequency und Token-Laufzeit die passenden Werkzeuge.
Offboarding: Revoke Session reicht
Konto deaktivieren und Revoke Session sind selbst kritische Ereignisse. Sie wirken in jedem Tenant ohne Lizenz und ohne weitere Richtlinie und sperren innerhalb von Minuten. Für Austritt und Freistellung ist die Standortprüfung damit nicht nötig.
Die Standortprüfung ist für einen anderen Fall gebaut: Ein Token wird abgegriffen und von woanders eingesetzt, ohne dass jemand davon weiss. Dann meldet keine Personalabteilung ein Ereignis, und nur der Wechsel des Standorts löst die Sperre aus.
Prüfen, ob CAE im eigenen Tenant greift
CAE ist in neuen Tenants standardmässig aktiv. Es gibt keinen Schalter zum Einschalten, nur eine Session Control in Conditional Access, die CAE gezielt deaktiviert. Die Frage ist also nicht, ob CAE aktiviert ist, sondern ob es wirkt.
- CAE fällt unbemerkt auf einen Ein-Stunden-Token zurück, wenn Entra ID und der Dienst unterschiedliche Quell-IP-Adressen sehen, typisch bei Split-Tunnel-VPN und Proxy-Diensten.
- Die Sign-in Logs im Entra Admin Center zeigen mit dem Filter Is CAE Token, welche Anmeldungen CAE-Tokens erhalten.
Fazit
CAE ist keine Funktion, die ein Administrator einschaltet, sondern eine Eigenschaft der Plattform. Kritische Ereignisse wirken in jedem Tenant, die Standortprüfung braucht Conditional Access mit Entra ID P1, das Anwenderrisiko zusätzlich P2. Im Gegenzug leben Access Tokens bis zu 28 Stunden, weil der Widerruf über Ereignisse statt über den Ablauf kommt. Zu prüfen bleibt, ob die eigenen Anwender tatsächlich CAE-Tokens erhalten.
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Dieser Artikel ist aus meinem Podcast-Manuskript entstanden und wurde mit KI-Unterstützung ausgearbeitet. Ich habe ihn geprüft und verantworte ihn selbst. Microsoft 365 und Azure ändern sich laufend, einzelne Angaben können seit der Prüfung überholt sein. Ohne diese Unterstützung könnte ich die Inhalte nicht kostenfrei anbieten. Mehr zum Vorgehen
Stand der Prüfung: 8. Oktober 2026